Willkommen in der Arbeit 4.0

Was vom Tage übrig blieb – Jobsuche in der Corona-Krise

Jeden Tag fällt der Blick nervös auf das Handy. Wenn keine Anrufe in Abwesenheit angezeigt werden, wird schnell die Verbindung überprüft – vielleicht bin ich einfach nicht erreichbar? Als Nächstes folgt der hoffnungsvolle Blick ins Mail-Postfach, das schließlich vorsichtshalber direkt noch ein weiteres Mal aktualisiert wird.

Irgendwo muss sie sich doch verbergen, die Mail oder Nachricht, egal in welcher Form, auf die ich voller Hoffnung warte. Eine Einladung zum Vorstellungsgespräch, Wochen, teils Monate nach der ursprünglichen Bewerbung, eine Rückmeldung zu einem erfolgten Gespräch, gar ein Jobangebot. Irgendwas, irgendeine Mitteilung muss doch endlich erfolgen, selbst ein Zwischenbescheid oder eine Absage sind mir mittlerweile willkommen, einfach irgendwas, das signalisiert, dass meine Existenz und meine Suche nach einem neuen Job irgendwie fortbestehen in dieser verrückten neuen Corona-Welt.*

Doch die Tage kommen und gehen, das Handy ist extra laut geschaltet, etwas, das seit Zeiten des Crazy Frog-Klingeltons nicht mehr geschehen ist, und die Nachrichten und Rückmeldungen bleiben aus. Kein Anruf, keine Mail, auch der Spam-Ordner als letzte Bastion der Hoffnung fällt jeden Tag aufs Neue. Und um alles noch schlimmer zu machen: mein Handynetz und WLAN funktionieren einwandfrei und scheiden als Sündenbock für den Stillstand und die Flaute an der Job-Front aus. Wenn die Suche nach einem neuen Job schon in normalen Zeiten ein Graus ist und eine der größten Geduldsproben der modernen Arbeitnehmer, so entwickelt sie sich in Corona-Zeiten zum absoluten Endboss, dem man nichts entgegensetzen kann außer ein müdes „Vielleicht dann morgen?“, wenn man sich abends die wiederholte Enttäuschung eingestehen muss. Und so vergeht ein Tag nach dem anderen, die Wochen ziehen vorbei und aus zwangsweiser Geduld wird irgendwann Resignation und Hoffnungslosigkeit. Die Wahrnehmung und die Prioritäten verändern sich, und vermutlich wird es keinen motivierteren Neustarter geben können als einen (arbeitslosen) Jobsuchenden aus der Phase der Isolation und Kontaktsperre, der endlich wieder arbeiten gehen kann, sobald Neueinstellungen und Onboardings wieder möglich sind.

Als ich noch in Anstellung war, habe ich mir immer vorgestellt, wie paradiesisch so ein Sabbatical sein würde, wenn man morgens einfach noch ein wenig liegen bleiben und in den Tag hineinleben könnte. Wenn man endlich Zeit hätte, all die Projekte anzugehen, die einen schon lange umtreiben, wenn man endlich die neue Fremdsprache lernen könnte, den Bücherstapel neben dem Bett abarbeiten und das Training zum Halbmarathon beginnen würde. Und dann wagt man endlich den Schritt aus dem alten Job heraus, der einen doch schon lange unglücklich gemacht hat, und stürzt sich hoffnungsvoll in die Suche nach dem richtigen nächsten Schritt, den perfekten Job, und dann auf einmal – kommt die Welt zum Stehen, an jeder Front, in allen Bereichen. Und plötzlich verlängert sich die Antwortzeit der Unternehmen, bei denen man hoffnungsvoll am Stellenportal anklopft, verdoppelt oder verdreifacht sich gar und man fragt sich, ob man überhaupt noch sichtbar ist, relevant, ob man noch einen Restfunken der Employability in sich trägt und jemals wieder in Lohn und Brot stehen wird. Plötzlich ist man froh und dankbar, wenn sich irgendwer dort draußen erbarmt, ein Telefoninterview führen zu wollen und sich drei, vier Wochen später erst zurückmeldet (aber immerhin zurückmeldet!), oder man zumindest die Information erhält, dass man weiter im Rennen bleiben darf, aber sich das Rennen um ein paar Monate verlängert oder verzögert. Denn natürlich versteht man auch als Bewerber die Unsicherheit der Unternehmen und dass niemand sicher wissen kann, was aus unserer Wirtschaft wird und welche Jobs man am Ende tatsächlich braucht. Und so war man nie glücklicher, als wenn in diesen Zeiten dann doch eine Mail ihren Weg in das Postfach findet und der Betreff „Ihre Bewerbung als [Titel (m/w/d)] bei [Unternehmen]“ den Anzeigebildschirm erhellt.

Auch wenn man dann eine Absage bekommt, weil die Position leider aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen werden muss oder weil „andere Bewerber dem Anforderungsprofil noch ein kleines bisschen besser entsprechen“, so ist man doch zumindest froh, dass man noch eine Rückmeldung und Nachricht wert ist, dass sich irgendwo im Home Office ein Recruiter die Zeit genommen hat, diese Absage zu verschicken und ein bisschen Klarheit in dieser ungewissen Zeit zu schaffen. Zumindest existiert man noch, irgendwo, in irgendeiner Candidate Pipeline, und hat nicht vor lauter Nutzlosigkeit aufgehört zu sein und fortzubestehen.

Unvergleichlich süßer ist jedoch in diesen Zeiten jede Gelegenheit zu einem digitalen Vorstellungsgespräch, in der Regel via Skype oder Zoom – eine Situation, in der ich dankbar bin, dass mein WLAN nun doch einwandfrei funktioniert und der Kontakt zur Außenwelt nicht komplett eingebrochen ist. Wenn man es trotz der schlimmen Lage schafft, für einen potenziellen Arbeitgeber interessant zu sein, wenn die Stelle der Wahl offenbar genug Business Value für das jeweilige Unternehmen besitzt, um weiterhin besetzt zu werden. Das Interview in den eigenen vier Wänden nimmt ein wenig das Bedrohliche der Bewerbungssituation, und ganz nebenbei kann man es in Jogginghose wahrnehmen, wobei oben rum natürlich die repräsentative Bluse bestechen soll. Es ist eine schöne Gelegenheit, um sich seit Tagen endlich mal wieder etwas herzumachen und der Geist wird fast beflügelt ob der fachlichen Themen, die man endlich wieder durchdenken und diskutieren kann. Ein wenig Normalität, ein Funken Hoffnung und so hangelt man sich von Woche zu Woche, darauf wartend, dass man nun endlich zu einem letzten Gespräch eingeladen wird, das in der Regel dann doch noch von Angesicht zu Angesicht stattfinden soll, von mir aus gerne mit Schutzmaske. Man wartet und hofft auf das Aufheben der Kontakt- und Ausgangssperren, wohlwissend dass natürlich die Gesundheit aller das oberste Gut ist, aber in der leisen Ahnung und der Feststellung, dass mit den Wochen der Anstellungslosigkeit die eigene Gesundheit einen gefährlichen Abstieg antritt, egal wie gut man sich auch durch andere Projekte und Hobbies beschäftigen mag.

Ein Sabbatical mag wunderbar sein, wenn es frei gewählt wurde und alle Optionen offenstehen, man die Welt bereisen oder die Zeit mit der Familie verbringen möchte. Doch es kann bedrohlich und bedrückend werden, wenn die Auszeit von außen aufgezwungen wird, weil die Welt vor die Hunde geht; mit jedem Tag und jeder Woche der unfreiwilligen Pause ein wenig mehr, in der die Suche nach der nächsten Position durch zwanghafte Geduld, andauernde Funkstille und nagende Ungewissheit geprägt ist – und wenn man die Wochentage nur noch kennt, weil man sich fragt, ob heute ein Werktag sein könnte, an dem sich ein Recruiter zurückmelden kann.

Natürlich wissen auch die Recruiting-Abteilungen dieser Nation nicht, wann und wie es in unserer Wirtschaft, in unserer Arbeit zu irgendeiner (neuen Form?) der Normalität zurückgehen kann, und mit Sicherheit spannen sie keinen Kandidaten absichtlich auf die Folter, sondern warten auf Feedback, Entscheidungen, Strategien. Doch jeder Zwischenbescheid, jede Rückmeldung und jeder noch so kleine Hinweis darauf, dass unsere Existenz, die der aktuell Jobsuchenden, bekannt ist, gar wertgeschätzt wird, hebt ein klein wenig den grauen Schleier des Abwartens und unsicheren Harrens der Dinge, die da kommen oder nicht kommen mögen. Wenn die Candidate Experience schon in normalen Zeiten ein wichtiger Fokus jeder HR Strategie sein soll, so ist sie in der aktuellen Lage umso wichtiger, und wird niemals auf eine dankbarere Zielgruppe stoßen.

Und nun ist es Zeit, das Handy rauszuholen und nach verpassten Anrufen, Mail-Box Nachrichten oder E-Mails zu suchen – denn schließlich ist während des Schreibens dieses Textes ein wenig Zeit vergangen, und meinen Spam-Ordner habe ich übrigens auch schon lange nicht mehr gefilzt.

*Natürlich ist die aktuelle Lage für uns alle eine schlimme Zeit, ob Angestellter, Selbstständiger, Unternehmer oder Elternzeitler, der die kindbedingte Auszeit nicht auf großer Weltreise verbringen kann. Auch kann hier nicht auf die zweifellos niederschmetternde Lage eingegangen werden, in der sich diejenigen befinden, die aufgrund der Krise ihren Job gar erst verloren haben oder aber in Kurzarbeit verbannt werden. Letztlich muss ich mich hier platz- und erfahrungsbedingt auf die Suche nach einer neuen (Fest-)Anstellung beschränken, obwohl natürlich meine Anteilnahme allen Betroffenen gilt.

Disclaimer: Der oben stehende Text könnte allein auf meinen eigenen Erfahrungen beruhen, muss dies aber nicht. Jeder Beitrag, der hier veröffentlicht wird, erscheint in der „Ich“-Form und entstammt meiner Tastatur, aber basiert nicht zwangsläufig auf meinen Erlebnissen oder Ansichten. Ausnahmen in Form und Stil sollen nur explizit ausgewiesene Gastbeiträge bilden. Um die Anonymität der Beitragsleistenden sicherzustellen, wird die Quelle, sofern nicht anders gewünscht und entsprechend markiert, ausnahmslos nicht benannt. Es ist damit der Fantasie des Lesers überlassen, einen Artikel als Eigen- oder Fremdbeitrag zu verstehen.

2 Kommentare

  1. Mirjam Kuschel

    Oh mein Gott. Du sprichst mir sowas von aus dem Herzen…vielen Dank für diesen Beitrag!! Ich musste fast weinen.
    Liebe Grüße

    • Britta

      Liebe Mirjam,

      vielen Dank für das tolle Feedback! Ich glaube, dass die aktuelle Zeit für jeden Jobsuchenden extrem hart ist (und habe es selbst auch so erlebt), weil die Ungewissheit und Unklarheit ganz besonders an einem nagt. Sofern du z.Zt. suchst, drücke ich dir fest die Daumen! Die richtige Chance ergibt sich bestimmt und später kannst du stolz darauf sein, wie du dich durch diese Zeiten navigiert hast.

      Liebe Grüße!

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