Willkommen in der Arbeit 4.0

Vertrauensarbeitszeit – Die womöglich größte Lüge der New Work

Die Motivation für diesen Blog ist schnell zusammengefasst: echte Erlebnisse aus dem eigenen Arbeitsleben oder dem von Freunden, Familie und Lesern berichten und dadurch ein realistischeres Bild der New Work zeichnen zu können. Diese schöne neue Arbeitswelt, in der wir unseren ureigenen Interessen nachgehen, losgelöst von festen Vorgaben explorativ und iterativ neue und vor allem innovative Produkte entwickeln und einem übergeordneten Purpose folgen sollen, damit Arbeit endlich sinnhaft und erfüllend wird, und nicht einfach nur zweckgebundene… na ja, Arbeit eben.

Wenn wir über die neue Arbeitswelt und das Konzept der New Work diskutieren, wird oft als eines der entscheidenden Merkmale die berühmt berüchtigte Vertrauensarbeitszeit genannt, die uns modernen Arbeitnehmern fast schon als essenzielles Grundrecht zugestanden wird. Und jeder Begriff, der das Wörtchen „Vertrauen“ beinhaltet, muss doch grundsätzlich positiv zu beurteilen sein – ohne Wenn und Aber. Nach einigen Jahren im Beruf und nach vielen Gesprächen mit Freunden, Bekannten, Familienmitgliedern und sonstigen Begegnungen, egal welchem Generationskürzel nun angehörend, kann ich diesen Begriff jedoch als wenig mehr betrachten als die größte Lüge oder das wohl grundsätzlichste Missverständnis der New Work und einem Großteil ihrer Anhänger und Gläubiger.

Wertschätzung und Vertrauen oder oft doch nur unbezahlte Überstunden?

Doch warum diese Kritik, vor allem, da ich doch in einem vorherigen Blog-Artikel davon geschrieben habe, wie wichtig das Vertrauen zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber für die erfolgreiche Gestaltung der Arbeit, in jenem konkreten Fall die Umsetzung des Homeoffices, sein kann? Die Vertrauensarbeitszeit ist schließlich nichts anderes als das geforderte grundsätzliche Vertrauen darin, dass ein Arbeitnehmer die ihm übertragenen Freiheiten in seiner Arbeitsgestaltung nicht ausnutzt. Dass man einem Mitarbeiter die Verwaltung der eigenen Arbeitszeit großmütig überlassen kann, und dass dieser Mitarbeiter das in ihn gesetzte Vertrauen nicht missbraucht und nur noch dann arbeitet, wenn es ihm passt, zu einem freizeitverträglichen Mindestmaß, das aber in voller Höhe dem Arbeitgeber in Rechnung gestellt wird.

In der Theorie ist die Vertrauensarbeitszeit auch ein hehrer Gedanke, dem auch ich die ersten Jahre meiner Berufstätigkeit erlegen bin. Denn in Kombination mit den oft gerühmten flexiblen Arbeitszeiten soll die Vertrauensarbeitszeit uns Mitarbeitern die Möglichkeit geben, die Arbeitszeiten so zu legen, dass sie flexibel mit den Bedürfnissen des Privatlebens harmonieren – seien es Arzttermine, der Gang ins Fitnessstudio zur Mittagspause (sofern es sich hierbei um keinen Mythos handelt) oder der Handwerkerbesuch, der konsequenterweise stets zu arbeitnehmerunfreundlichen Zeiten terminiert wird. Theoretisch ist dies alles richtig und erstrebenswert, in der Praxis jedoch oft absoluter Humbug. Denn die meisten von uns haben doch die Erfahrung sammeln müssen, dass Vertrauensarbeitszeit unter dem Deckmantel der Modernität und eines wertschätzenden, vertrauensvollen Arbeitsverhältnisses oft vor allem eines bedeutet: Unbezahlte Mehrarbeit, die einem weder gedankt noch finanziell entlohnt wird.

Vor diesem Hintergrund ist die Diskrepanz zwischen Image und Realität umso spannender: Ein Unternehmen, das einem Bewerber im Bewerbungsprozess zähneknirschend mitteilen muss, dass betriebsintern ein Zeiterfassungssystem verwendet wird (weil die rigide Arbeitnehmervertretung das so will, aber die sind ja auch sowas von gestern), gilt als unmodern, als konservativer Mittelständler oder gar (wie ekelhaft) als Konzern. New Work heißt Vertrauensarbeitszeit, alles andere ist eben Asbach-Uralt, Schnee von gestern, Mottenkiste. Niemand findet Zeiterfassung sexy, so die öffentliche Wahrnehmung – verrückt ist nur, dass dies zum Großteil nicht auf jene Arbeitnehmer zutrifft, die selbst in den Genuss der Zeiterfassung kommen.

Die große Kluft zwischen Vertrauensarbeitszeit und Zeiterfassung

Wenn in meinem Bekannten- und Freundeskreis ein Jobwechsel verkündet wird, reiht sich relativ schnell in die Riege der Glückwünsche und Nachfragen zu den Gründen, der Bezahlung und den neuen Aufgaben die vorsichtige Frage ein: „Und musst du deine Arbeitszeiten aufschreiben?“ Im Falle der Zeiterfassung folgt meist ein knappes „Ja“, dann zustimmendes Nicken der Zuhörer und selten größere Diskussionen. Im Falle der Vertrauensarbeitszeit lässt sich der Betroffene jedoch schnell zu einem hastigen, verlegenen Monolog darüber hinreißen, warum ein Leben ohne Arbeitszeitdokumentation so viel angenehmer ist (man muss doch nichts mehr aufschreiben!)  und wie das neue Unternehmen dennoch eine tolle Work-Life-Balance ermöglichen wird. Wer hierauf zustimmende Reaktionen erhält, möge sich gerne melden – mir ist dies noch nie untergekommen.

Sobald es jedoch an die gemeinsame Urlaubsplanung geht oder abendliche Verabredungen, werden die unterschiedlichen Lebenswelten der Zeiterfasser vs. Vertrauensarbeitszeitler plötzlich doch schnell sichtbar: Da kann der Urlaub auf der einen Seite um ein oder zwei Wochen problemlos  verlängert werden („Ich muss unbedingt Überstunden abbauen.“), während auf der anderen Seite alleine schon abendliche Treffen erst zu Tagesschau-Zeiten möglich sind, weil „ein wichtiges Projekt fertig werden muss“ oder „ein Meeting etwas länger gedauert hat“ – vom Urlaub ganz zu schweigen, denn: „Ich muss mir noch ein paar Tage für zwischen den Jahren aufheben“.

In Anbetracht dieser Unterschiede kann ich jeden Arbeitnehmer verstehen, der auf die Erfassung seiner Arbeitszeit und den Abbau von Überstunden nur selten wieder verzichten möchte. Man kann diesem Typus natürlich mangelnde Flexibilität, erhöhte Risikoaversion und damit fehlende New Work-Kompatibilität unterstellen und sich das Leben leicht machen. Es lohnt sich jedoch, eine derart simple Erklärung zu hinterfragen: denn vielleicht wollen diese Arbeitnehmer ihre als Privileg empfundenen Arbeitsbedingungen tatsächlich nicht mehr aufgeben. Womöglich erkennen sie aber auch einfach nur, dass es unwirtschaftlich, unfair und wenig lohnend sein könnte, die eigene Arbeitskraft über das Maß der Vergütung hinaus zur Verfügung zu stellen – und damit letztlich zu verschenken.

Mehr arbeiten – weniger bekommen

Vor allem dieser letzte Aspekt, also die fehlende Verknüpfung zwischen (mehr) geleisteten Arbeitsstunden und monatlicher Pauschalvergütung, sollte in der Diskussion um die Vertrauensarbeitszeit viel stärker im Vordergrund stehen. Denn ich kenne wenig Menschen, die bei Vertrauensarbeitszeit ihre vertraglich vereinbarte Wochenarbeitszeit immer auf die Minute genau erfüllen oder gar darunter liegen – sondern nahezu ausnahmslos darüber, ohne finanziellen Ausgleich, ohne die Möglichkeit des Abbaus. Insbesondere bei der Arbeit im Homeoffice deuten Untersuchungen darauf hin, dass die Arbeitnehmer eher zu viel arbeiten, ein Effekt, der sich während der Corona-Krise und der zwischenzeitlichen Verlängerung der Arbeitszeiten vermutlich noch verstärken könnte. Wenn man nun mal vollkommen flexibel arbeiten darf, ohne ein System der Zeiterfassung und damit Arbeitszeitkonten, und das Heim zum Arbeitsplatz wird, ist es nicht verwunderlich, dass die Arbeitszeiten zunehmen, vor allem wenn die reine Präsenz am Büroarbeitsplatz kein Indikator mehr dafür sein kann, wie fleißig man doch eigentlich arbeitet.

Ich selbst habe harte und lehrreiche Jahre der Vertrauensarbeitszeit benötigt, um die für mich richtige Balance zwischen Flexibilität, Arbeit und angemessener Vergütung der Arbeitsstunden zu finden – die ich in meinem jetzigen Job möglichst konsequent umsetze und das Glück habe, auf Unterstützung und Verständnis zu stoßen. Doch so war es nicht immer, und vielen Arbeitnehmern ergeht es noch immer ganz anders, teils selbst gewählt, teils durch äußeren Druck erzwungen. Von diesen Erfahrungen, der teils blinden Akzeptanz der Vertrauensarbeitszeit, ihrer Unwirtschaftlichkeit und letztlich Konsequenzen auf Arbeitnehmerseite soll in einem kommenden Artikel die Rede sein.

Disclaimer: Der oben stehende Text könnte allein auf meinen eigenen Erfahrungen beruhen, muss dies aber nicht. Jeder Beitrag, der hier veröffentlicht wird, erscheint in der „Ich“-Form und entstammt meiner Tastatur, aber basiert nicht zwangsläufig auf meinen Erlebnissen oder Ansichten. Ausnahmen in Form und Stil sollen nur explizit ausgewiesene Gastbeiträge bilden. Um die Anonymität der Beitragsleistenden sicherzustellen, wird die Quelle, sofern nicht anders gewünscht und entsprechend markiert, ausnahmslos nicht benannt. Es ist damit der Fantasie des Lesers überlassen, einen Artikel als Eigen- oder Fremdbeitrag zu verstehen.

2 Kommentare

  1. PeteB

    Danke für den sehr pointierter Beitrag zu einem hochaktuellen und wichtigen Thema!

    Auch ich arbeite seit langem in Vertrauensarbeitszeit und habe ebenfalls die Erfahrung machen müssen, dass abends mal länger bleiben (gerne auch über die gesetzliche Höchstarbeitszeit hinaus) überhaupt nicht kommentiert wird, wohl aber, wenn man nach einer solchen Aktion dann mal am Freitag früher heimgehen will. Auch wenn das – völlig zu reicht – niemand gut heißt, entsteht in vielen Teams eine Atmosphäre des „Wettrüstens“ bei der Anwesenheit. Man will ja nicht der einzige sein, der auf Kosten aller anderen spät kommt und früh geht… Auch recht beliebt ist das Argument, dass Zeit abgebaut werden kann, „wenn es mal wieder etwas ruhiger wird“. Ich glaube nicht, dass das jemals irgendwo funktioniert hat…

    Zusätzlich habe ich beobachtet, dass sehr viele Kolleginnen und Kollegen, wenn es schon keine offizielle Zeiterfassung gibt, ihre Zeiten selbstständig aufschreiben. Dann allerdings mit völlig unterschiedlichen Interpretationen. Der eine zieht brav Kaffee- und Raucherpausen ab, beim anderen ist auch das Mittagessen und die Fahrt mit der S-Bahn noch Arbeitszeit… Aus letzterem entstehen dann diese völlig absurden Wochenarbeitszeit-Angaben von 60+ Stunden mit denen sich gerühmt wird und von denen sich besonders junge Kolleginnen und Kollegen gerne blenden lassen und meinen, diesen Quatsch mitmachen zu müssen.

    P.S.: Gratuliere auch zu deinem wirklich tollen Blog. Inhaltlich, optisch und technisch finde ich ihn wirklich sehr gut gelungen und vor allem das Glossar ist eine tolle Idee! Ich freue mich auf weitere Beiträge 🙂

    • Britta

      Hallo Pete,

      vielen Dank für das ausführliche Feedback! Es freut mich, wenn dieser Blog ein paar Impulse setzen oder der Wirklichkeit der New Work ein wenig näher kommen kann. Die von dir geschilderten Situationen kennen wir sicherlich alle! Es ist auch vollkommen in Ordnung, wenn man selbst für sich die Entscheidung trifft, mehr zu arbeiten, allerdings sollte die pauschale Erwartungshaltung, die heutzutage vorherrscht, kritisch hinterfragt werden. Letztlich möchte doch auch jeder Arbeitgeber einen Arbeitnehmer haben, der wirtschaftlich denkt – und dies auch im eigenen Sinne.

      Ich freue mich, wenn du weiterhin vorbeischaust und deine Gedanken teilst!

      VG Britta

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